Vom Treppenmuffel zum Treppenengel

Am Anfang war die Treppe. Das Leben schreibt manchmal verrückte Geschichten. Eine davon erzähle ich Euch heute.

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Der Mount Everest Treppenmarathon in Radebeul. Ich habe davon schon viel gehört. Ich habe nur den Kopf geschüttelt. Lange Laufen? Immer. Irgendwann mal Ultra laufen? Auf jeden Fall. Treppe? Niemals.

Wir wollten uns in diesem Jahr den Treppenmarathon mal genauer anschauen. Nicht, weil wir die Absicht hatten, dort jemals teilzunehmen. Es waren andere Gründe, die uns dazu bewogen für den Verpflegungsdienst zu volunteeren. Der Organisator dieses Events ist ein guter Freund. Auch andere Freund(e)*innen sind als Aktive oder Volunteers mit dabei. Und schließlich können auch wir so mal etwas zurückgeben, was wir bei so vielen Wettkämpfen schätzen: Den Einsatz der Volunteers, die große Sportveranstaltungen möglich machen.

Als ich am Samstagmorgen noch verschlafen im Bett rumlungerte, erhielt ich eine Nachricht von Maty. Und obwohl sie nicht direkt fragte, wusste ich sofort, was los war. „Wie spontan bist Du???????????“ Das konnte Maty nicht ernst meinen. Ich bin mittlerweile 6 Marathons gelaufen. Dazu viele Halbmarathons und auch 10km Wettkämpfe. Und ja, mein Langzeitziel ist es, Ultraläuferin zu werden. Aber davon bin ich momentan weit entfernt. In den vergangen 8 Monaten war ich mehr damit beschäftigt, gegen Verletzungen anzukämpfen und mein Trainingspensum zu minimieren, als alles andere. Meine letzten beiden Marathons bin ich ohne Vorbereitung gelaufen. Ich möchte zwar gerne Trailläuferin werden, aber mehr Trailrunning-Erfahrung als 2 Trainingevents mit dem Trailmagazin kann ich nicht vorweisen. Ich wohne in Berlin und dort ist es bekanntlich flach, flacher, am flachesten. Wenn ich laufe, dann laufe ich auf der Straße. Ich kann nicht bergauf oder bergab laufen. Da wo ich wohne, da wo ich herkomme und da wo ich vorher gewohnt habe gibt es keine Berge. Auch keine Hügel. Und wo wir schon mal dabei sind: Keine Treppen. Ich hasse Treppen. Auch in Zeiten, in denen ich läuferisch topfit bin, bringen mich nur wenige Treppen außer Atem. Ich habe mich schon immer gefragt, wie Treppensteigen so anstrengend sein kann, obwohl man doch eigentlich recht fit ist.

Und dann diese Spontan-Anfrage von Maty. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Maty mich vor einem knappen Jahr fragte, ob ich nicht mit ihr in der Dreierseilschaft beim METM 2016 mitmachen wolle. Sehr gut erinnere ich mich auch an meine Antwort. Treppe? Never ever!

Hannah, wie spontan bist Du???????????? Ich sagte zu Carsten: Nee, echt nicht. Das kann nicht Matys Ernst sein, auch nur zu glauben, dass ich da mitmache. Unmöglich. Und dann diese Antwort von Carsten: Warum eigentlich nicht? Was??? Du machst Witze! Nein, warum eigentlich nicht? Und da war es geschehen. Er hätte es besser wissen müssen.

Ich rief Maty an. Ich kann für nichts garantieren. Keine Ahnung, wie lange ich durchhalte. Das einzige was ich garantieren kann sind meine Beißerqualitäten und dass ich alles geben werde. Aber wie weit das reicht? Keine Ahnung. OK, Maty sagte sie würde sich mit Berenice besprechen und sich in 20 Minuten melden. Aus den 20 Minuten wurde eine Stunde. Ich war mir sicher, dass ich also nicht laufen müsste. Sonst würde Maty’s Rückmeldung nicht so lange dauern. Zum Glück. Denn dieses Treppendings war ganz klar eine Nummer zu groß für mich. Dann kam der Anruf. Wir möchten Dich jetzt offiziell fragen, ob Du als Treppenengel einspringst. Stille. Schockstarre. Tief Luft holen. Ok, Maty, ich machs.

Ich hatte zugesagt. Was hatte ich getan? War ich von allen guten Geistern verlassen? Mit jeder Minute wurde mir bewusster, auf was ich mich da gerade eingelassen hatte. 397 Treppen, dazu ein Hügel, der mehr Höhenmeter hat, als ich in einem Monat im platten Berlin bewältige. 16 Stunden lang. Ich hatte den Verstand verloren.

Es war Samstag Mittag. Ich hatte also zumindest noch Zeit, mich mental auf diesen Wahnsinn vorzubereiten. Und ich wusste, das war meine einzige Chance. Wenn es eines gibt, von dem ich voller Überzeugung bin, dann ist es meine mentale Stärke beim Laufen. Damit habe ich schon viele nicht-absolvierte Trainingseinheiten im Wettkampf wettmachen können.

Und dann machten wir uns auf den Weg nach Radebeul. Ich war still. Fokussiert. Carsten kennt mich als hibbeliges Etwas kurz vorm Wettkampf und ich sah seinen sorgenvollen Blick. Ich sagte zu ihm: Ich bin im Rocky-Modus. Alles gut. Im Rocky-Modus? Was erzählte ich da eigentlich? An der Treppe angekommen, begrüßte uns Ulf. Ich hätte gerne in seinem Gesicht gelesen, was er dachte. Hielt er mich für komplett bescheuert? Oder glaubte er daran, dass ich die Nacht und den Tag treppelnd überstehen könnte? Ich konnte nichts in seinem Gesicht lesen. Meine Mädels waren noch nicht da und Ulf zeigte mir das Athletenzelt. Ich ließ mich schüchtern in einer Ecke nieder und beobachtete die Ultratreppler*innen. Und dann kam die Panik. Eine Nachricht: „Schatz, mir geht gerade so richtig die Düse“. Und schon war Carsten da. Er nahm mich in den Arm und sagte ein paar aufmunternde Worte. Ich weiß nicht mehr was es war. Es war auch egal. Er war da.

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Dann kamen Maty und Berenice. Endlich. Wir fielen uns in die Arme und teilten unsere Vorfreude sowie unsere Angst. Dann ging alles ziemlich schnell. Athletenbesprechung, letzte Absprachen zwischen uns. Berenice würde starten, dann ich, dann Maty. Wir wollten so lange wie möglich die 1-1-1 Taktik verfolgen, sprich, jede läuft eine Runde und dann wird reihum gewechselt. Als Berenice sich mit den 21 anderen Dreierseilschaftsstarter(n)*innen in Richtung Treppe stürzte, stieg meine innere Anspannung erbarmungslos. Schnell noch ein paar Last-Minute Tipps beim Treppenmaster abholen. Wie gehe ich das jetzt an? Was muss ich beim Runterlaufen beachten? „Lauf erstmal 2-3 Runden, um für Dich selbst ein Gefühl zu entwickeln“ war Ulf’s Antwort. Alles klar. So machen wir das. Und dann war Berenice auch schon da. Es ging los. Locker die paar Meter bis zur Treppe laufen. Treppab. Oh je. Die anderen Teilnehmer*innen schienen an mir vorbeizuschießen. Ruhig bleiben. Erstmal ein Gefühl bekommen, wie Ulf gesagt hat. Die haben hier alle trainiert und kennen die Treppe. Ich muss erst mal heile runter kommen! Also schön vorsichtig, eine Treppe nach der anderen nehmen, keine Experimente. Endlich war ich unten. Nun den kleinen Hügel runterlaufen. Automatisch begann ich richtig Gas zu geben. Ruhig bleiben. Ich muss das auch wieder hoch laufen und dann war da ja noch was. 397 Treppen bergauf. Ich schaute erst gar nicht hoch. Jetzt bloß nicht nachdenken. Step-by-step hocharbeiten. Jede Treppe einzelnd nehmen? Oder doch zwei Treppen auf einmal nehmen? Ruhig bleiben und ein Gefühl bekommen. Die Treppe erschien endlos. Aber dann konnte ich das Treppenende endlich sehen. Ich war fix und fertig. Jetzt noch die paar Meter mit ganz leichtem Anstieg zum Start-/Zielbereich für die Übergabe an Maty laufen. Abartig! Nach 397 bestiegenen Treppen wollte der Körper alles, nur nicht wieder in den Laufschritt fallen. Aber der Körper hat in dieser Nacht nichts zu sagen! Also husch husch zum Wechsel.

Die erste Runde war geschafft. Oh je. Davon musste ich jetzt noch mindestens 24 Runden laufen. Ich schob den Gedanken daran schnell beiseite. Nicht zu viel Nachdenken. Einfach machen! Als Maty von ihrer ersten Runde zurückkam, bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Maty sah nicht gut und alles andere als happy aus. Ihr Kommentar: „Ich hatte vergessen, wie sehr ich Intervalle hasse“. Wir schauten uns ängstlich an. Nein, erstmal das richtige Gefühl auf den nächsten Runden gewinnen. Das wird schon! Nach der dritten Runde ging ich ins Verpflegungszelt und schwatzte kurz mit Corinna. Sie sah mich sorgenvoll an (sie hatte mir nach meiner spontanen Entscheidung noch vor dem Start mitgeteilt, dass ich völlig bekloppt sei) und fragte, wie es ging. Ich bestätigte ihren sorgenvollen Blick. Ich weiß nicht mehr genau, was ich sagte. Aber sinngemäß war es ein „Hilfe! Wie soll ich das bloß schaffen?!?“ Aber weiter, immer weiter. Als ich mich auf die sechste, siebte Runde machte, fing es an Spaß zu machen. Ich gewann meinen Rhythmus und merkte, dass ich mit jeder Runde ein wenig schneller wurde. Natürlich waren meine Zeiten immer noch weit entfernt von der Mehrzahl der anderen Treppler*innen, aber ich schaute nur auf mich und beendete meine Runden mit einem „wieder schneller gewesen“. Carsten und Ulf schauten mich leicht entgeistert an, als ich meinen Spaß zum Ausdruck brachte. Ich konnte Carstens Gedanken förmlich lesen: Jetzt wird sie größenwahnsinnig 🙂

Nur gut, dass ich meinen Körper bei Ausdauerbelastungen gut kenne und sehr genau weiß, dass die große Kunst ist, ein gleichmäßiges Tempo zu laufen, das man möglichst lange halten kann. Und während das beim Marathon nur knapp vier Stunden lang zu halten ist, sollte ich diesmal 16 Stunden lang laufen. Klar, wir hatten zwischendurch immer eine Pause von 16-18 Minuten. Trotzdem war es unmöglich, die eigenen Runden wie verrückt zu ballern. Also Gemach. Immer entspannt bleiben. Die Nacht ist noch lang und dann erst der Tag…

Mittlerweile hatte es sich richtig eingeregnet. Es goss wie aus Eimern und es war auch keine Besserung in Sicht. Vier Stunden lang kämpften wir mit starkem Dauerregen. Das ging aufs Gemüt. Egal, weiter, immer weiter. In unseren Pausen hielten wir den Teamgeist hoch, auch wenn jede von uns mit sich selbst beschäftigt war. Aber unser Teamgeist war ungebrochen und was soll ich sagen? Es machte Riesenspaß! Nach fast jeder Runde verschwand ich im Verpflegungszelt, wärmte mich mit warmem Tee und Leckereien auf und hielt den ein oder anderen Plausch. Diese Atmosphäre war schon etwas ganz besonderes. Ich muss zugeben, ich habe mich bisher ja immer nur als „Lauf-Eventie“ gesehen. Ich genieße die großen Marathonveranstaltungen, bei denen Zehntausende Starter*innen dabei sind und unzählige Zuschauer*innen. Das hier war anders. Kleiner. Familiär. Besonders.

In die Wechselzone laufen, schnell aufwärmen, erholen, trinken, essen und schnell wieder zum Start. Da blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken. Und das war gut so. Irgendwie vergingen die Stunden. Ich kann nicht sagen, dass sie wie im Flug vergingen. Das war definitiv nicht der Fall. Aber es ging einfach weiter, immer weiter. Am späten Morgen standen dann plötzlich Corinna und Kersten unten an der Treppe. Nach Corinnas Nachtschicht im Verpflegungszelt hatten sie sich für ein paar Stunden Schlaf zurückgezogen. Jetzt waren sie wieder da und feierten mich. „Du läufst ja immer noch?!“ Diese Worte von Kersten, dem verrückten Ultraläufer, werde ich nie vergessen. Ich hörte in seiner Stimme Überraschung. Damit war ich geultraadelt! Ich war mittlerweile auf meiner 20. Runde und es ging mir immer noch blendend. Ich wusste, wenn nicht noch etwas völlig Unerwartetes passiert, werde ich die 25 Runden schaffen. Gut, es ging nicht mehr einfach die Treppen hoch. Von Runde zu Runde schienen zu den 397 zusätzliche Treppen hinzu zu kommen. Aber ich hatte keine Schmerzen, nichts was mich aufhalten konnte, die 25 voll zu machen.

Und dann war es geschafft. Als ich die 25.Runde beendete und an Maty übergab konnte ich es nicht fassen. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Und es sollte nicht die letzte Runde für mich sein. Wir machten alle drei noch die 30 Runden voll, bevor wir glücklich nach knapp 15 Stunden Schluss machten. Wir lagen uneinholbar auf Rang drei der Frauen-Dreierseilschaften. Dass wir auf dem Treppchen standen, war die Sahnehaube für eine fantastische Nacht und einen noch besseren darauffolgenden Tag. Ich wusste sofort: Ich komme wieder. Maty und ich haben uns schon verständigt, nächstes Jahr fallen auf jeden Fall die 100 Runden. Und Berenice… ich fürchte Bere wird nächstes Jahr das Ding alleine rocken 🙂

Der Mount Everest Treppenmarathon war für mich eine Offenbarung. Dass meine Träume vom Ultralaufen keine dummen Träumereien sind, sondern genau das, worauf ich hinarbeiten muss. Dieser Treppenmarathon hat mich zutiefst erfüllt und ich will mehr davon. Viel mehr.

Abschließend muss ich mich bei vielen Leuten bedanken. Zuallererst natürlich bei Carsten, der vor, während und nach dem Treppenmarathon für mich da war. Ohne Dich hätte ich das nicht so gemeistert. Ohne Dich wäre ich nur halb so stolz und halb so happy über das, was ich geleistet habe. Danke!! <3

Ein großes Dankeschön natürlich auch an meine beiden Mädels, Maty und Berenice. Danke, dass Ihr mir dieses wunderbare Erlebnis möglich gemacht habt. Danke, dass Ihr an mich geglaubt habt. Und danke, für das geilste Team beim METM 2016! 🙂

Das nächste Dankeschön geht an Ulf, den Organisator des Treppenmarathons. Danke, dass Du die Änderung von Küchenfee in Treppenengel unterstützt hast. Damit hast Du mir bereits den größten Respekt erwiesen.

Als nächstes – danke liebe Corinna und allen anderen Küchenhelfer*innen für Euren wahnsinnigen Support. Ohne Euch wäre der METM nicht das, was er ist!

Und als letztes: Danke an Euch verrückten Treppenultras. Ihr habt meine Leistung mit Respekt honoriert und das war für mich das Allergrößte.

Hinweis: Einige der Bilder stammen von der offiziellen Webseite des METM (http://www.treppenmarathon.de/). Diese sind durch das offizielle Logo als Wasserzeichen im Bild zu erkennen. 

2 Kommentare


    1. Vielen Dank! Ja, der METM ist wirklich etwas ganz besonderes und ich bin so froh, dass ich diese waghalsige Offerte angenommen habe. Was soll ich sagen? Einmal Treppe, immer Treppe! Ich denke nicht, dass ich in den nächsten Jahren dort mal fehlen werde. Also Vorsicht: Erhöhtes Suchtpotential! 🙂

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